OK I GIVE UP

Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann: Wie moderner Fussball funktioniert

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Biermann und Fuchs liefern in diesem Buch aus dem Jahr 2002 eine Grundkritik des in Deutschland (zumindest damals) gaengigen Verstaendnisses von Taktik, und geben gleichzeitig eine uebersichtliche Geschichte der Fussballtaktik und eine Begriffsklaereung. Dabei konzentriert sich der text auf eine fussballerische Mittel, das seit der Erscheinung dieses Buches perfektioniert wurde: Ballorientierte Gegnerdeckung. Es geht darum, dass in Defensivsituationen die ganze Mannschaft sich in die Richtung verschiebt, wo der Gegner den Ball behaelt. Dadurch wird dafuer gesorgt, dass der Gegner nur wenig Raum zum bespielen hat, und seine Ideen nicht zur Entfaltung kommen koennen. Solch ein Spiel fordert von den Fussballern nicht nur enorme Laufkraft -was durch verbesserte Trainingsmethoden moeglich ist- aber auch sehr gute Koordination innerhalb der Mannschaft. Es gibt keinen Platz mehr fuer grosse Egos in einer Fussballmannschaft; sie muss als ganzes auftreten, in Abwehr- sowie Offensivarbeit.

Von heutigem Blickpunkt scheint es unvorstellbar, dass in Deutschland jemals solche moderne Ideen von Fussbal nicht ernstgenommen worden sind. Die Autoren argumentieren aber, dass Deutscher Fussball bis in die 2000er Jahre von einer sehr kruden Idee von Fussball beherrscht wurde – Fussball als eine Zweikampf-Sport, wo die “Wassertraeger” die Baelle mit Willenskraft erobern, und ihn an den kreativen Spielmacher weitergeben, der dann das Spiel gestaltet. Diese Aera kam zu Ende, nachdem unterklassigere Mannschaften wie SC Freiburg und Mainz 05 mit modernen taktischen Mitteln sich grosse Vorteile geschafft haben, was den finanzstaerkeren Mannschaften irgendwann auch als wichtige Mittel klar wurde, und nachdem die verkrusteten hierarchischen Strukturen in den Klubs und DFB demontiert worden sind.

Das Buch ist hervorragend geschrieben. Von dem fliessend aber praezise geschriebenen Text merkt man sofort, dass die Autoren Journalisten sind, und ihr Thema sehr gut beherrschen. Eine andere Staerke dieses Buches ist, dass die Autoren jegliche Ueber-Vereinfachungen verschassen, und immer wieder auf Sachverhalte verweisen, die viel zu buendige Taktikvorstellugen einfach als falsch enttarnen. Als Defizit muss ich die Tatsache erwaehnen, dass es keine Quellenangaben gibt; es gibt immer wieder Auszuege aus Interviews mit beruhmten Trainern, aber diese werden ohne Quellenangaben zitiert, was fuer jemanden, der gerne weiterlesen will, ziemlich nervig ist.